Großer Jugendstil-Schreibtisch Wien um 1900
Vorliegendes Modell eines in Wien um 1900 gefertigten großen Schreibtisches ist ein unglaublich schönes Beispiel für die zeitlose Eleganz und Modernität der Wiener Entwürfe um 1900.
Der schlichte, geradlinige Korpus ist in Mahagoni furniert ausgeführt. Die Kanten des Möbels sind ganz leicht gerundet, was dem Möbel trotz seiner klaren Linien die Strenge nimmt. Diese wird auch durch die drei großen Laden mit ihren leicht gerundeten Kanten, welche mit originalen Schlössern und Schlüsseln versehen sind, aufgelockert. Die Seitenkonstruktion des Schreibtisches besticht durch ihre rechteckige Ausnehmung der sonst vollflächigen Seitenwände. Dieses Stilelement unterstreicht noch einmal in besonderer Weise diesen außergewöhnlich modernen Entwurf dieses Möbels. Fast spektakulär ist die Gestaltung des Fußsockels der beiden Seitenwände, welche mit Kupferblech verkleidet sind. Neben der so harmonischen Farbgebung des Kupfers zu dem dunklen Mahagoni ist dies farblich ein weiteres Highlight bei diesem Möbelstück.
Mit den Architekten und Designern dieser Zeitepoche, teilweise vereint in der Secession oder der Wiener Werkstätte, allen voran Josef Hoffmann, Otto Wagner, Otto Prutscher als auch Adolf Loos, um nur einige wenige zu nennen, erlangte die Wiener Schule Weltruf, welcher bis in die heutigen Tage nicht in Vergessenheit geraten ist. Viele der Entwürfe dieser Zeit finden sich heute in den bedeutendsten Museen weltweit.
Möbel wie dieses wurden meist auf Auftrag für einen bedeutenden oder wohlhabenden Kunden oder in sehr kleinen Entwurfsserien gefertigt. Mit ziemlicher Sicherheit wurde dieses Möbel von einem der bedeutenden Designer dieser Zeit oder dessen Umfeld entworfen.
Die Zuschreibung für die Ausführung von Friedrich Otto Schmidt ist aufgrund der hervorragenden Qualität, in welcher das Möbel gefertigt wurde, als auch dem Umstand geschuldet, dass bedeutende Designer der Wiener Schule mit F. O. Schmidt kooperiert haben.
Auch können Entwürfe dieser Zeit Max Hermann Schmidt, welcher das Unternehmen zwischen 1861 Wien – 1935 Budapest anführte, zugeordnet werden. Ein besonders produktiver Austausch herrschte mit dem Architekten Adolf Loos sowie Josef Hoffmann, welche eng mit Max Hermann Schmidt zusammenarbeiteten.
Dieser Einfluss der bedeutendsten Architekten und Designer dieser Zeit spiegelt sich ganz stark auch in den eigenen Entwürfen aus dem Haus Schmidt wider.
Vorliegender Schreibtisch war über viele Jahre in einer der bedeutendsten Sammlungen von Objekten der Wiener Werkstätte, allen voran mit Entwürfen von Otto Prutscher, der Sammlung Schedlmayer in Wien …
Friedrich Otto Schmidt:
1858 fasste der aus einer sächsischen, jedoch seit dem 18. Jahrhundert im preußischen Raum beheimateten Zimmermannsfamilie stammende Carl Friedrich Heinrich Schmidt (29.6.1824 Stralsund — 22.10.1894 Seewalchen) den Entschluss, nach Wien zu gehen. Schmidt, der in Hamburg eine Ausbildung zum Kaufmann absolvierte und 1850 nach Prag kam, um in der Tapetenfabrik „Robert & Bhd. Sieburger“ zu arbeiten, deren Budapester Filiale er von 1853 bis 1857 leitete, sah wie so viele Künstler und Handwerker in der kaiserlichen Residenzstadt Wien mit ihrem städtebaulichen Wachstum und der Errichtung der Ringstraße eine gewinnbringende Chance zur beruflichen Selbstverwirklichung.
Nachdem er zunächst gemeinsam mit dem aus Köln stammenden Gerhard Joseph Hubert Sugg (geb. 27.11.1832 Köln) 1859 das Tapetengeschäft „F. Schmidt & Sugg“ in der Bischofgasse 637 (heute Rotenturmstraße 11) in Wien I gegründet hatte, konnte Schmidt die Firma 1872 zur Gänze übernehmen und in „Friedrich Otto Schmidt“ umbenennen. Seinen kommerziellen Aufschwung erlebte das Unternehmen mit dem Eintritt des ältesten Sohnes Otto Erdmann Schmidt (4.10.1854 Budapest — 16.3.1895 Wien), das nunmehr als „Technisches Atelier für Zimmerdekorationen“ komplette Einrichtungen bis hin zu Stuckdekorationen und Kaminen anbot.
Die Firma avancierte nicht nur zu einem der erfolgreichsten Wohnungsausstattern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sondern beteiligte sich auch aktiv an Arthur von Scalas Reformbewegung im Museum für Kunst und Industrie in Wien, die sich zum deklarierten Ziel setzte, nach englischem Vorbild das Zusammenwirken von Kunst und Kunsthandwerk nachhaltig zu verbessern und die Tradition des Historismus zu brechen. Schon bald verabschiedete sich Schmidt von der historisierenden Nachahmung älterer Formen und konzentrierte sich auf die exakte Kopie alter Vorbilder, angefangen von Einzelmöbeln bis zu ganzen Interieurs. Schmidts Leidenschaft für zeitgenössische Strömungen spiegelte sich auch in seinem privaten Umfeld wider. 1874 wurde seine vom Architekten Zinner erbaute Villa Daheim in Seewalchen in Oberösterreich fertiggestellt, in der er freundschaftliche Kontakte zu Künstlern, Literaten und Musikern wie Hans Makart und Friedrich von Amerling pflegte.
Als Carl Friedrich Heinrich Schmidt 1894 und sein ältester Sohn Otto 1895 verstarben, übernahm sein anderer Sohn Max Hermann (11.8.1861 Wien — 1.4.1935 Budapest) die Firma. Dieser absolvierte seine Ausbildung in den 1880er-Jahren bei dem Raumgestalter Prignot in Paris und bei der Einrichtungsfirma Pallenberg in Köln. 1889 trat er in den Familienbetrieb ein und wurde 1894 alleiniger Eigentümer. Gemeinsam mit seinen beiden Brüdern Carl Leo (20.2.1867 Wien — 15.5.1942 Wien) und Hugo Wilhelm (2.2.1856 Budapest — 16.2.1932 Wien) konnte er das „Technische Atelier für Wohnungseinrichtungen“ bis zur Jahrhundertwende strukturell verändern und ausbauen. 1896 wurde neben dem Geschäftslokal in der Rotenturmstraße 11 in Wien I eine zweite Niederlassung in der Waisenhausgasse 7 (heute Boltzmanngasse) in Wien IX errichtet. 1897 wurde ein Geschäftslokal in der Lipót körút 32 (heute Szent István körút) in Budapest eröffnet. 1898 übersiedelte man von der Rotenturmstraße in das barocke Palais Neupauer-Breuner in der Singerstraße 16 in Wien I. In der Waisenhausgasse 7 waren private Wohnung und Lagerräume untergebracht.
In den Jahren 1900 und 1910 wurden weitere Niederlassungen in der Bachergasse 5 in Wien V und in der Eisengasse 5 (heute Wilhelm-Exner-Gasse) in Wien IX eröffnet, die allerdings im Laufe der Jahre wieder aufgelassen wurden. Ein besonders produktiver Austausch herrschte mit dem Architekten Adolf Loos, der eng mit Max Hermann Schmidt zusammenarbeitete und ihn beispielsweise zum bekannten Elefantenrüsseltisch (1899) inspirierte, der ab 1900 in verschiedenen Varianten für diverse Wohnungseinrichtungen Verwendung fand. Neben Loos arbeitete das Unternehmen auch mit der Wiener Secession zusammen. So richtete man nach Plänen von Josef Hoffmann den Vorraum und das Büro des Sekretärs im Ausstellungsgebäude der Secession ein. Seit 1907 dient das Palais Chotek in der Währinger Straße 28 in Wien IX als Firmensitz des Unternehmens. Das historische Gebäude im Renaissancestil konnte er im Zuge eines gemeinsamen Ausbaus mit dem Architekten Lothar Abel (15.2.1841 Wien — 24.6.1896 Wien) zuerst als Atelier mieten und 1904 schließlich erwerben. Nach dem Tod von Carl Leo 1942 übernahmen sein Sohn Erich (27.2.1910 Wien — 14.6.1980 Wien) und dessen Frau Irene, geb. Eder (13.7.1910 Wien — 21.6.2001 Wien), die Firma. Ab 1968 war deren Tochter Irene (geb. 31.8.1948 Wien) als Geschäftsführerin tätig, ihr Ehemann Klaus Lorenz (23.5.1943 Scheibbs — 24.12.2016 Wien) fungierte als Prokurist. Heute wird das Unternehmen von Irene und ihren beiden Kindern Irene (geb. 15.2.1967 Wien) und Claus Lorenz (geb. 15.3.1966 Wien) geführt. Claus Lorenz betreut heute auch das Archiv Friedrich Otto Schmidt.
Literatur: „Wagner, Hoffmann, Loos und das Möbeldesign der Wiener Moderne“ (Seite 147 ff.), Künstler, Auftraggeber, Produzenten, Band 37, Eva B. Ottillinger (Hg.), Dr. Stefan Üner, MMD
Provenienz: Die Sammlung Schedlmayer. Eine Entdeckung! (10. September 2021 bis 20. Februar 2022), Leopold Museum, Wien.
Das österreichische Sammlerpaar Hermi (1941 – 2018) und Fritz Schedlmayer (1939 – 2013) trug eine erstklassige Auswahl an Kunsthandwerk und Kunstwerken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in ihrer privaten Villa Rothberger zusammen. Diese weitgehend unbekannte Sammlung wurde im Herbst 2021 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
1989 kehrten Hermi und Fritz Schedlmayer nach mehreren Jahren im Ausland aus beruflichen Gründen nach Österreich zurück. Sie erwarben die Villa Rothberger in Baden bei Wien, eine Villa, die Anfang der 1910er Jahre von Otto Prutscher umfassend umgebaut worden war. In der privaten Villa zeichnete die hochkarätige Sammlung von Kunsthandwerk, Gemälden und Drucken, die Hermi (1941 – 2018) und Fritz Schedlmayer (1939 – 2013) in den letzten zwei Jahrzehnten ihres Lebens zusammengetragen haben, das Leben in Wien um 1900 nach.
Weiterführende Videos der Ausstellung im Leopold Museum der Sammlung Schedlmayer:
Video I, klicken Sie HIER; Video II, klicken Sie HIER.