Grosser Jugendstil Schreibtisch Wien um 1900 001 final

Großer Jugendstil-Schreibtisch Wien um 1900

Umfeld Wiener Werkstätte, Ausführung wohl Friedrich Otto Schmidt

Vor­liegen­des Mod­ell eines in Wien um 1900 gefer­tigten großen Schreibtis­ches ist ein unglaublich schönes Beispiel für die zeit­lose Ele­ganz und Moder­nität der Wiener Entwürfe um 1900.

Der schlichte, ger­adlin­ige Kor­pus ist in Mahag­o­ni furniert aus­ge­führt. Die Kan­ten des Möbels sind ganz leicht gerun­det, was dem Möbel trotz sein­er klaren Lin­ien die Strenge nimmt. Diese wird auch durch die drei großen Laden mit ihren leicht gerun­de­ten Kan­ten, welche mit orig­i­nalen Schlössern und Schlüs­seln verse­hen sind, aufge­lock­ert. Die Seit­enkon­struk­tion des Schreibtis­ches besticht durch ihre rechteck­ige Aus­nehmung der son­st voll­flächi­gen Seit­en­wände. Dieses Stilele­ment unter­stre­icht noch ein­mal in beson­der­er Weise diesen außergewöhn­lich mod­er­nen Entwurf dieses Möbels. Fast spek­takulär ist die Gestal­tung des Fuß­sock­els der bei­den Seit­en­wände, welche mit Kupferblech verklei­det sind. Neben der so har­monis­chen Far­bge­bung des Kupfers zu dem dun­klen Mahag­o­ni ist dies far­blich ein weit­eres High­light bei diesem Möbelstück.

Mit den Architek­ten und Design­ern dieser Zeit­epoche, teil­weise vere­int in der Seces­sion oder der Wiener Werk­stätte, allen voran Josef Hoff­mann, Otto Wag­n­er, Otto Prutsch­er als auch Adolf Loos, um nur einige wenige zu nen­nen, erlangte die Wiener Schule Wel­truf, welch­er bis in die heuti­gen Tage nicht in Vergessen­heit ger­at­en ist. Viele der Entwürfe dieser Zeit find­en sich heute in den bedeu­tend­sten Museen weltweit.

Möbel wie dieses wur­den meist auf Auf­trag für einen bedeu­ten­den oder wohlhaben­den Kun­den oder in sehr kleinen Entwurf­sse­rien gefer­tigt. Mit ziem­lich­er Sicher­heit wurde dieses Möbel von einem der bedeu­ten­den Design­er dieser Zeit oder dessen Umfeld entworfen.

Die Zuschrei­bung für die Aus­führung von Friedrich Otto Schmidt ist auf­grund der her­vor­ra­gen­den Qual­ität, in welch­er das Möbel gefer­tigt wurde, als auch dem Umstand geschuldet, dass bedeu­tende Design­er der Wiener Schule mit F. O. Schmidt kooperiert haben.

Auch kön­nen Entwürfe dieser Zeit Max Her­mann Schmidt, welch­er das Unternehmen zwis­chen 1861 Wien – 1935 Budapest anführte, zuge­ord­net wer­den. Ein beson­ders pro­duk­tiv­er Aus­tausch herrschte mit dem Architek­ten Adolf Loos sowie Josef Hoff­mann, welche eng mit Max Her­mann Schmidt zusammenarbeiteten.

Dieser Ein­fluss der bedeu­tend­sten Architek­ten und Design­er dieser Zeit spiegelt sich ganz stark auch in den eige­nen Entwür­fen aus dem Haus Schmidt wider.

Vor­liegen­der Schreibtisch war über viele Jahre in ein­er der bedeu­tend­sten Samm­lun­gen von Objek­ten der Wiener Werk­stätte, allen voran mit Entwür­fen von Otto Prutsch­er, der Samm­lung Schedl­may­er in Wien …

Friedrich Otto Schmidt:

1858 fasste der aus ein­er säch­sis­chen, jedoch seit dem 18. Jahrhun­dert im preußis­chen Raum behei­mateten Zim­mer­manns­fam­i­lie stam­mende Carl Friedrich Hein­rich Schmidt (29.6.1824 Stral­sund — 22.10.1894 See­walchen) den Entschluss, nach Wien zu gehen. Schmidt, der in Ham­burg eine Aus­bil­dung zum Kauf­mann absolvierte und 1850 nach Prag kam, um in der Tape­ten­fab­rik Robert & Bhd. Sieburg­er“ zu arbeit­en, deren Budapester Fil­iale er von 1853 bis 1857 leit­ete, sah wie so viele Kün­stler und Handw­erk­er in der kaiser­lichen Res­i­den­zs­tadt Wien mit ihrem städte­baulichen Wach­s­tum und der Errich­tung der Ringstraße eine gewinnbrin­gende Chance zur beru­flichen Selbstverwirklichung. 

Nach­dem er zunächst gemein­sam mit dem aus Köln stam­menden Ger­hard Joseph Hubert Sugg (geb. 27.11.1832 Köln) 1859 das Tape­tengeschäft F. Schmidt & Sugg“ in der Bischof­gasse 637 (heute Roten­turm­straße 11) in Wien I gegrün­det hat­te, kon­nte Schmidt die Fir­ma 1872 zur Gänze übernehmen und in Friedrich Otto Schmidt“ umbe­nen­nen. Seinen kom­merziellen Auf­schwung erlebte das Unternehmen mit dem Ein­tritt des ältesten Sohnes Otto Erd­mann Schmidt (4.10.1854 Budapest — 16.3.1895 Wien), das nun­mehr als Tech­nis­ches Ate­lier für Zim­merdeko­ra­tio­nen“ kom­plette Ein­rich­tun­gen bis hin zu Stuck­deko­ra­tio­nen und Kami­nen anbot. 

Die Fir­ma avancierte nicht nur zu einem der erfol­gre­ich­sten Woh­nungsausstat­tern in der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts, son­dern beteiligte sich auch aktiv an Arthur von Scalas Reform­be­we­gung im Muse­um für Kun­st und Indus­trie in Wien, die sich zum deklar­i­erten Ziel set­zte, nach englis­chem Vor­bild das Zusam­men­wirken von Kun­st und Kun­sthandw­erk nach­haltig zu verbessern und die Tra­di­tion des His­toris­mus zu brechen. Schon bald ver­ab­schiedete sich Schmidt von der his­torisieren­den Nachah­mung älter­er For­men und konzen­tri­erte sich auf die exak­te Kopie alter Vor­bilder, ange­fan­gen von Einzelmö­beln bis zu ganzen Interieurs. Schmidts Lei­den­schaft für zeit­genös­sis­che Strö­mungen spiegelte sich auch in seinem pri­vat­en Umfeld wider. 1874 wurde seine vom Architek­ten Zin­ner erbaute Vil­la Daheim in See­walchen in Oberöster­re­ich fer­tiggestellt, in der er fre­und­schaftliche Kon­tak­te zu Kün­stlern, Lit­er­at­en und Musik­ern wie Hans Makart und Friedrich von Amer­ling pflegte. 

Als Carl Friedrich Hein­rich Schmidt 1894 und sein ältester Sohn Otto 1895 ver­star­ben, über­nahm sein ander­er Sohn Max Her­mann (11.8.1861 Wien — 1.4.1935 Budapest) die Fir­ma. Dieser absolvierte seine Aus­bil­dung in den 1880er-Jahren bei dem Raumgestal­ter Prig­not in Paris und bei der Ein­rich­tungs­fir­ma Pal­len­berg in Köln. 1889 trat er in den Fam­i­lien­be­trieb ein und wurde 1894 alleiniger Eigen­tümer. Gemein­sam mit seinen bei­den Brüdern Carl Leo (20.2.1867 Wien — 15.5.1942 Wien) und Hugo Wil­helm (2.2.1856 Budapest — 16.2.1932 Wien) kon­nte er das Tech­nis­che Ate­lier für Woh­nung­sein­rich­tun­gen“ bis zur Jahrhun­der­twende struk­turell verän­dern und aus­bauen. 1896 wurde neben dem Geschäft­slokal in der Roten­turm­straße 11 in Wien I eine zweite Nieder­las­sung in der Waisen­haus­gasse 7 (heute Boltz­man­ngasse) in Wien IX errichtet. 1897 wurde ein Geschäft­slokal in der Lipót körút 32 (heute Szent István körút) in Budapest eröffnet. 1898 über­siedelte man von der Roten­turm­straße in das barocke Palais Neu­pauer-Bre­uner in der Singer­straße 16 in Wien I. In der Waisen­haus­gasse 7 waren pri­vate Woh­nung und Lager­räume untergebracht. 

In den Jahren 1900 und 1910 wur­den weit­ere Nieder­las­sun­gen in der Bacher­gasse 5 in Wien V und in der Eisen­gasse 5 (heute Wil­helm-Exn­er-Gasse) in Wien IX eröffnet, die allerd­ings im Laufe der Jahre wieder aufge­lassen wur­den. Ein beson­ders pro­duk­tiv­er Aus­tausch herrschte mit dem Architek­ten Adolf Loos, der eng mit Max Her­mann Schmidt zusam­me­nar­beit­ete und ihn beispiel­sweise zum bekan­nten Ele­fan­ten­rüs­seltisch (1899) inspiri­erte, der ab 1900 in ver­schiede­nen Vari­anten für diverse Woh­nung­sein­rich­tun­gen Ver­wen­dung fand. Neben Loos arbeit­ete das Unternehmen auch mit der Wiener Seces­sion zusam­men. So richtete man nach Plä­nen von Josef Hoff­mann den Vor­raum und das Büro des Sekretärs im Ausstel­lungs­ge­bäude der Seces­sion ein. Seit 1907 dient das Palais Chotek in der Währinger Straße 28 in Wien IX als Fir­men­sitz des Unternehmens. Das his­torische Gebäude im Renais­sances­til kon­nte er im Zuge eines gemein­samen Aus­baus mit dem Architek­ten Lothar Abel (15.2.1841 Wien — 24.6.1896 Wien) zuerst als Ate­lier mieten und 1904 schließlich erwer­ben. Nach dem Tod von Carl Leo 1942 über­nah­men sein Sohn Erich (27.2.1910 Wien — 14.6.1980 Wien) und dessen Frau Irene, geb. Eder (13.7.1910 Wien — 21.6.2001 Wien), die Fir­ma. Ab 1968 war deren Tochter Irene (geb. 31.8.1948 Wien) als Geschäfts­führerin tätig, ihr Ehe­mann Klaus Lorenz (23.5.1943 Scheibbs — 24.12.2016 Wien) fungierte als Prokurist. Heute wird das Unternehmen von Irene und ihren bei­den Kindern Irene (geb. 15.2.1967 Wien) und Claus Lorenz (geb. 15.3.1966 Wien) geführt. Claus Lorenz betreut heute auch das Archiv Friedrich Otto Schmidt.

Lit­er­atur: Wag­n­er, Hoff­mann, Loos und das Möbelde­sign der Wiener Mod­erne“ (Seite 147 ff.), Kün­stler, Auf­tragge­ber, Pro­duzen­ten, Band 37, Eva B. Ottill­inger (Hg.), Dr. Ste­fan Üner, MMD

Prove­nienz: Die Samm­lung Schedl­may­er. Eine Ent­deck­ung! (10. Sep­tem­ber 2021 bis 20. Feb­ru­ar 2022), Leopold Muse­um, Wien.

Das öster­re­ichis­che Samm­ler­paar Her­mi (1941 – 2018) und Fritz Schedl­may­er (1939 – 2013) trug eine erstk­las­sige Auswahl an Kun­sthandw­erk und Kunst­werken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts in ihrer pri­vat­en Vil­la Roth­berg­er zusam­men. Diese weit­ge­hend unbekan­nte Samm­lung wurde im Herb­st 2021 erst­mals der Öffentlichkeit präsentiert.

1989 kehrten Her­mi und Fritz Schedl­may­er nach mehreren Jahren im Aus­land aus beru­flichen Grün­den nach Öster­re­ich zurück. Sie erwar­ben die Vil­la Roth­berg­er in Baden bei Wien, eine Vil­la, die Anfang der 1910er Jahre von Otto Prutsch­er umfassend umge­baut wor­den war. In der pri­vat­en Vil­la zeich­nete die hochkarätige Samm­lung von Kun­sthandw­erk, Gemälden und Druck­en, die Her­mi (1941 – 2018) und Fritz Schedl­may­er (1939 – 2013) in den let­zten zwei Jahrzehn­ten ihres Lebens zusam­menge­tra­gen haben, das Leben in Wien um 1900 nach.

Weit­er­führende Videos der Ausstel­lung im Leopold Muse­um der Samm­lung Schedlmayer: 

Video I, klick­en Sie HIER; Video II, klick­en Sie HIER.

Grosser Jugendstil Schreibtisch Wien um 1900 002 final
Wiener Schreibtisch um 1900 H: 77 cm; B: 187 cm; W: 85 cm
Grosser Jugendstil Schreibtisch Wien um 1900 006 final
Grosser Jugendstil Schreibtisch Wien um 1900 004 final
Grosser Jugendstil Schreibtisch Wien um 1900 003 final
Grosser Jugendstil Schreibtisch Wien um 1900 007 final
Schedlmayer
Fotowand der Ausstellung "Die Sammlung Schedlmayer" im Leopold Museum Abb. Schreibtisch in der Villa Rothberger auf Fotos 1 und 2, zweite Reihe
Villa rothberger
Private Villa Rothberger von Erni & Fritz Schedlmayer Fotograf unbekannt, Blick aus dem Garten, um 1913, Privatbesitz, Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger