Japonisierender Schreibsekretar 01

Japonisierender Aufsatz-Schreibsekretär

Ausführung, K. u. K. Hoftischler Heinrich Irmler, Wien um 1915
Verkauft

Das in zwei Teilen gefer­tigte Schreib­mö­bel beste­ht aus einem in Kon­solen­form gefer­tigten Unter­bau. Die vier Füße sind voll­flächig, vier­seit­ig mit aufwendig in geometrisch­er sech­seck­iger Form handge­fer­tigten Bor­düren geziert. 

Sowohl die Eck­en unter dem Schreibauf­satz als auch die Querver­stre­bung der Füße sind mit für den asi­atis­chen Stil typ­is­chen geometrischen Orna­men­tik deko­ri­ert. Die bei­den Haupt­laden des Unter­baus wer­den bei­d­seit­ig von Schüben, auf welchen die ausziehbare Schreib­plat­te liegt, begrenzt.

Die Griffe der Laden sind versenkt und in nach außen leicht bombiert­er Form die furnierte Laden­front eingear­beit­et. Der Schreibauf­satz ist ele­gant in exo­tis­chem Makas­sar furniert und front­seit­ig mit ein­er kleinen, umlaufend­en beschnitzten Bor­düre, dekoriert.

Die bei­den Türen sind in ihrer Mitte mit fein unter­schiedlich bemal­ten Porzel­lan — Bildern aus­ge­führt. Die sehr fein, in japanis­chen Stil bemal­ten Porzel­lan­bilder, zeigen im Hin­ter­grund eine Gebirgslandschaft. 

Im Vorder­grund sehen wir Gräs­er, Zweige mit Blüten, Blät­tern auf denen Vögel sitzen.

Der Innen­bere­ich des Sekretärs ist in Zier­ben­holz gefer­tigt. Die Mitte bildet ein klein­er versper­rbar­er Taber­nakel, welch­er an bei­den Seit­en mit diversen waa­grecht­en und senkrecht­en Abteilen, sowie mit kleinen Laden gear­beit­et ist. Unter­halb dieses Bere­ich­es find­en wir über die gesamte Bre­ite eine durchge­hende Ablage. Das Möbel ist auch auf sein­er Rück­seite exk­lu­siv furniert gear­beit­et, was auch ein freies Stellen in einem Raum ermöglicht.

Die bei­den großen in Mess­ing gefer­tigten Schlüs­sel sind mit H. Irm­ler Wien sig­niert. Dieses Möbel ist ein schönes Beispiel für die außergewöhn­lich hohe handw­erk­liche Qual­ität in der die Werk­stät­ten der Kun­st­tis­chlerei Irm­ler für ihre elitäre Kund­schaft, als auch für die namhaftesten Architek­ten dieser Zeit­epoche, pro­duzierten. Hein­rich Irm­ler zählte mit seinem gle­ich­lau­t­en­den Unternehmen zu den bedeu­ten­den Kun­st­tis­chlereien des aus­ge­hen­den 19. und begin­nen­den 20. Jahrhun­derts in Wien.

Beson­ders die Nähe zu der Kun­st­gewerbeschule, deren Pro­fes­soren als auch zu den Architek­ten der Wiener Werk­stätte wie z.B. Otto Prutsch­er ermöglichte die renom­mierteste Kun­st- und Möbeltischlereien nach deren mod­er­nen Entwür­fen zu pro­duzieren. Viele der bedeu­ten­den Kun­st­tis­chlereien schick­ten ihre Kinder in die neu ent­standene Kun­st­gewerbeschule, um bei den dort unter­rich­t­en­den Pro­fes­soren die mod­erne For­men­sprache zu erlernen.

Die Wiener Kunstgewerbeschule:

Kaiser Franz Joseph I. grün­dete die Kun­st­gewerbeschule des K. K. öster­re­ichis­chen Muse­ums für Kun­st und Indus­trie“ im Sep­tem­ber 1867 und eröffnete sie am 1. Okto­ber 1868

Im Jahre 1877 bezog die Kun­st­gewerbeschule dann ihr eigenes, von Hein­rich Fer­s­tel neu errichtetes Schul­haus (1, Stuben­ring 3). Aus der Kun­st­gewerbeschule ging 1999 die Uni­ver­sität für ange­wandte Kun­st Wien her­vor. Feli­cian von Myr­bach, Mit­glied der neu gegrün­de­ten Wiener Kün­stlervere­ini­gung Seces­sion, wurde 1899 als Direk­tor der Schule berufen, die im fol­gen­den Jahr aus der Admin­is­tra­tion des Muse­ums her­aus­gelöst wurde.

In Myr­bachs Amt­szeit fall­en zahlre­iche Refor­men und Beru­fun­gen, die aus der Kun­st­gewerbeschule eine der Wiegen des öster­re­ichis­chen Jugend­stils macht­en und ihren Ruf als der Mod­erne verpflichtete Insti­tu­tion begründeten. 

Otto Wag­n­er hat­te als Kura­to­ri­umsmit­glied der Schule großen Ein­fluss auf deren Reform-Umset­zun­gen. Die dama­lige Lehrerschaft liest sich wie ein Who-is-Who des heute viel gefeierten Wien um 1900” mit Namen wie Kolo­man Moser, Josef Hoff­mann, Alfred Roller — der 1909 seine prä­gende Direk­tion­szeit begann — und Schülern wie etwa Oskar Kokosch­ka. Als ein­er der zahlre­ichen Absol­ven­ten jen­er Ära soll hier nur Gus­tav Klimt erwäh­nt werden.

Hein­rich Irm­ler (18391914), K. u. K. Hoftis­chler Hein­rich Irmler:

Irm­ler begann 1871 mit der Erzeu­gung von Kun­st­mö­beln, die bald über­all große Ver­bre­itung fan­den. In mod­ern ein­gerichteten Werk­stät­ten fer­tigte er kun­stvolle Möbeln für eine gehobene Klien­tel. Auch fer­tigte er in ein­er eige­nen Abteilung Büro- und Hoteleinrichtungen. 

Bedeu­tende Aufträge in Wien, an denen er beteiligt war, waren unter anderem die Innenein­rich­tun­gen des Naturhis­torischem Muse­um, des Par­la­mentes, des Jus­tiz­palastes, des Rathaus­es, der Uni­ver­sität, sowie der Han­del­skam­mer. Auf Grund der Teil­nahme an zahlre­ichen Ausstel­lun­gen, auf welchen er viel Ausze­ich­nun­gen erhielt, gelang es ihm auch Inter­na­tionale Kun­den für seine in hoher Qual­ität gefer­tigten Waren zu begeis­tern. Ab dem Jahr 1908 über­nahm sein Sohn die Führung des Unternehmens.

Lit­er­atur:

W.: Die Möbel-Kun­stin­dus­trie Österr., in: Großind. Österr., Erg. Bd. Tl. 1, S. 159f.

L.: N.Fr.Pr. vom 12. 11. 1914; Großind. Österr., Erg. Bd., S. 344

PUB­LIKA­TION: ÖBL 1815 – 1950, Bd. 3 (Lfg. 11, 1961), S. 42

Japonisierender Schreibsekretar 02
Wiener Aufsatz-Schreibsekretär H: 125 cm, B: 97 cm, T: 48 cm
Japonisierender Schreibsekretar 04
Japonisierender Schreibsekretar 06a
Japonisierender Schreibsekretar 06b
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Japonisierender Schreibsekretar 09
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Literatur Österreich auf der Weltausstellung Paris 1900; Österreichische Werkkultur von Max Eisler; Herausgegeben vom Österreichischen Werkbund 1916 Seite 110; ein Entwurf eines Speisezimmers von Otto Prutscher Ausgeführt von K. u. K. Hoftischler Heinrich Irmler
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