Martaban 02 final

Großes Jar oder Martaban

wohl Vietnam, 17. Jhdt.

Das beein­druck­ende Vor­rats­ge­fäß ist mit ein­er wun­der­schö­nen hell­braunen bis ock­er­far­be­nen Glasur über­zo­gen. Die bauchi­gen Schul­tern des Vor­rats­ge­fäßes gehen in einen schmalen Hals über, welch­er in einem leicht über­ste­hen­den, kanti­gen Rand endet.

Die sechs kleinen Hand­haben, die auf den Schul­tern des Gefäßes sitzen, sind in Tiger­form gestal­tet. Diese Hand­haben dien­ten der Fix­ierung mit Seilen für den Trans­port auf dem Land- und Seeweg.

Auf den Rück­en der kleinen Tiger befind­et sich das chi­ne­sis­che Schriftze­ichen Wang ein­graviert, was über­set­zt König“ bedeutet. Der Kör­p­er des Gefäßes ist umlaufend relie­far­tig mit Darstel­lun­gen von Tigern und Blüten­ranken gestal­tet. Das let­zte untere Drit­tel des Gefäßkör­pers ist ger­illt aus­ge­führt und geht in den unglasierten Boden über.

Laut Aus­führun­gen des Princesse­hof Muse­ums, Leeuwar­den, Nieder­lande, wur­den Gefäße dieser Art wahrschein­lich in den Bren­nöfen von Go-Sanh in Viet­nam hergestellt und wer­den dort vor­läu­fig auf das 14. bis 16. Jahrhun­dert datiert.

Ein sel­ten schönes Vor­rats­ge­fäß in per­fek­tem Zus­tand und Pro­por­tion mit wun­der­voller Pati­na, wie man es meist nur in muse­alen Samm­lun­gen find­et, wie zum Beispiel in der Samm­lung des Princesse­hof Muse­ums, Leeuwar­den, Niederlande.

Die Geschichte und Herkun­ft der Beze­ich­nung des Martabans:

Marta­ban, manch­mal auch Mar­ta­van gesprochen, waren große, schwere Vor­rats­ge­fäße, mit welchen man Güter auf Schif­f­en aus dem Hafen von Marta­ban unter anderem nach Südostasien, Indi­en und in den Mit­tleren Osten trans­portierte. Namensge­bung für diese wun­der­schö­nen und robusten Vor­rats- und Trans­port­ge­fäße war der gle­ich­lau­t­ende Hafen von Marta­ban, heute Mot­ta­ma, welch­er im Mon-Staat liegt.

Mot­ta­ma liegt am nördlichen Ufer des Salu­en, gegenüber Mawlamyaing, der Haupt­stadt des Mon-Staates. Hier befind­et sich die Bucht von Marta­ban, in die die Flüsse Irrawad­dy und Salu­en mün­den. In schriftlichen Aufze­ich­nun­gen aus dem 14. Jahrhun­dert, genauer gesagt 1350, berichtet Ibn Bat­tuta, der auf sein­er großen Reise auch den Hafen von Marta­ban besuchte: Marta­bans sind große Gefäße, gefüllt mit Pfef­fer, Zitro­nen und Man­go, alles mit Salz behan­delt für eine Schiff­s­reise“ (Gut­man: Burma’s Lost King­doms. The Marta­ban Trade 2001, S. 106 – 112).

Ibn Bat­tuta war ein Wel­treisender des 14. Jahrhun­derts, Aben­teur­er, Forsch­er, Gelehrter, Diplo­mat und Reporter. Mit seinem Reise­buch Rih­la“ („Reise“) schrieb er einen der bedeu­tend­sten Reise­berichte des Mit­te­lal­ters. Im Jahr 1325, also ein Jahr nach Mar­co Polos Tod, bricht der 22-jährige studierte Jurist aus dem marokkanis­chen Tanger zu ein­er sein­er großen Reisen auf. Mit Schif­f­en, Kutschen und Kame­len erkun­dete er Ostafri­ka, den Per­sis­chen Golf, Indone­sien, Indi­en, Chi­na und Spanien. Ibn Bat­tuta gilt als der Mar­co Polo des Orients“.

Speziell im 16. und 17. Jahrhun­dert hat­te der Hafen von Marta­ban große Bedeu­tung für den Trans­port chi­ne­sis­ch­er Güter mit Schif­f­en in den West­en. Die Bedeu­tung Marta­bans als Pro­duk­tion­sstätte für Keramik lässt sich bis in das 7. Jhdt. n. Chr. zurückverfolgen.

Lit­er­atur und ver­gle­ich­bares muse­ales Marta­ban, doku­men­tiert in: Die Samm­lung chi­ne­sis­ch­er und südostasi­atis­ch­er Krüge (Marta­ban, Mar­ta­va­nen) im Princesse­hof Muse­um, Leeuwar­den, Nieder­lande” (s. Muse­umsab­bil­dung unten):

Die Samm­lung großer Steingutkrüge im Princesse­hof geht auf Nanne Ottema (1874 – 1955) zurück. Er sam­melte prak­tisch alles aus dem Bere­ich der ange­wandten Kun­st und hat­te beson­ders viel Glück mit chi­ne­sis­ch­er Keramik. Ottema hat­te ein echt­es Inter­esse an chi­ne­sis­chen Export­waren – ganz anders als die meis­ten Samm­ler sein­er Zeit, Ende des 19. und in den ersten Jahrzehn­ten des 20. Jahrhun­derts, und bis zum heuti­gen Tag. Zum einen kon­nte er sich teure kaiser­liche“ Waren nicht leis­ten, zum anderen scheint es, dass er die Exportk­eramik, die in Indone­sien, damals Nieder­ländisch-Indi­en, ein­er nieder­ländis­chen Kolonie, zu find­en war, wirk­lich liebte.

Ottema wid­mete Kapi­tel 11 seines 1943 erschiene­nen Werkes sein­er Samm­lung von Mar­ta­vans. Er erwäh­nt por­tugiesis­che und nieder­ländis­che Lit­er­aturquellen aus dem 16. und 17. Jahrhun­dert zu Mar­ta­vans und hebt deren Bedeu­tung als Han­del­swaren im Han­del zwis­chen Chi­na, Indi­en, dem Nahen Osten und dem West­en her­vor. Ottema scheint das The­ma Krüge auch mit anderen Muse­um­sku­ra­toren disku­tiert zu haben. Das Archiv des Princesse­hof-Muse­ums enthält Briefe, die Nanne Ottema 1928 mit R. L. Hob­son (1871 – 1942), Kus­tos am British Muse­um und führen­der Autorität für chi­ne­sis­che Keramik, aus­tauschte. Hob­son schreibt: „… Ich bin sehr inter­essiert zu erfahren, dass Sie sich mit chi­ne­sis­ch­er Keramik und Porzel­lan aus Ostin­di­en beschäfti­gen. Wir haben einige kuriose Töpfe aus Bor­neo und anderen Orten, aber wir haben keine der großen Krüge.“

Die erste Ausstel­lung, die auss­chließlich Marta­ban gewid­met war, wurde 1964 im Muse­um Princesse­hof in Leeuwar­den organ­isiert. Im Auf­trag der OKS veröf­fentlichte Hes­sel Miede­ma (1929 – 2015), der Kura­tor des Muse­ums, einen kleinen Kat­a­log und stellte darin erst­mals mehr als achtzig Krüge aus der Samm­lung des Princesse­hof vor.

Unser Wis­sen über Krüge ist jedoch eng mit dem bahn­brechen­den Buch von Bar­bara Har­ris­son ver­bun­den, Pusa­ka – Heir­loom Jars of Bor­neo“, das 1986 veröf­fentlicht wurde.

Bar­bara Har­ris­son, geboren in Schle­sien, Deutsch­land, reiste zufäl­lig mit ihrem ersten Ehe­mann nach Bor­neo. Dort lernte sie den Englän­der Tom Har­ris­son (1911 – 1976) ken­nen. Sie ließ sich schei­den und heiratete Tom.

Das große Vor­rats­ge­fäß (s. Muse­um­ab­bil­dung unten) ist eng mit dem Leben von Bar­bara Har­ris­son ver­bun­den. Es wurde ihr um 1960 von Lawai Jau, dem Häuptling der Kenyah in Sarawak, geschenkt. Er erzählte ihr, dass das Gefäß seit vier bis fünf Gen­er­a­tio­nen im Besitz sein­er Fam­i­lie war. Bar­bara nahm das Gefäß mit in die USA, nach Cor­nell, nach Perth in Aus­tralien und später nach Leeuwar­den in den Nieder­lan­den. Sie schenk­te es dem OKS, und heute ist es Teil der Muse­umssamm­lung.
Es hat bauchige Schul­tern, einen schmalen Hals, einen eck­i­gen Rand und sechs Henkel, die als Tiger gestal­tet sind und auf deren Rück­en das chi­ne­sis­che Schriftze­ichen Wang („König“) ein­graviert ist. Der Kör­p­er ist mit Reliefs verziert, die Tiger zwis­chen rank­en­dem Laub und Relief­blüten zeigen. Der untere Teil des Gefäßes ist mit hell­brauner Glasur über­zo­gen. Der Boden ist flach und unglasiert.
Gefäße dieser Art wur­den wahrschein­lich in den Bren­nöfen von Go-Sanh in Viet­nam hergestellt. Sie lassen sich vor­läu­fig auf das 14. bis 16. Jahrhun­dert datieren.

Lit:
Die Samm­lung chi­ne­sis­ch­er und südostasi­atis­ch­er Krüge (Marta­ban, Mar­ta­va­nen) im Princesse­hof Muse­um, Leeuwar­den, Nieder­lande, Dr. Eva Stöber

Martaban 03 final
Martaban H: 58 cm, DM: 50 cm
Museumsabb.
Museumsabbildung Princesshof Museum, Leeuwarden H: 58,5 cm